Wolfgang Schäuble, Bundestagspräsident „Man sollte ein bisschen was im Kopf haben“

Wolfgang Schäuble kennt den Bundestag so gut wie kein anderer. Seit 49 Jahren ist er Abgeordneter. Er war Innenminister und Finanzminister. Er hat den Vertrag für die deutsche Einheit ausgehandelt. Jetzt ist er der Präsident des Deutschen Bundestags. Unseren Kinderreportern Samuel und Jakob (beide 9) hat er erklärt, wie man Bundestagsabgeordneter wird.

Samuel: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag im Bundestag?

Wolfgang Schäuble: Das war aufregend. Ich war 30 Jahre alt. Zwei Tage nach der Wahl wurde ich zur Fraktionssitzung eingeladen. Bei mir war es die CDU/CSU. Da habe ich Menschen getroffen, die ich nur aus dem Fernsehen kannte. Ich dachte: Wow! Da gehöre ich jetzt auch dazu. Nach ein paar Wochen hatte ich dieses Gefühl noch mal, als ich zum ersten Mal selbst im Bundestag saß.

Jakob: Warum wollten Sie Politiker werden?

Wolfgang Schäuble: Das war gar nicht mein Berufswunsch oder mein erstes Ziel als junger Mann. Ich habe Jura studiert und wollte mich als Rechtsanwalt selbstständig machen. Aber Politik hat mich interessiert. Ich war Mitglied in der Jungen Union, der Jugendorganisation von CDU und CSU. 1972 wurde ich gefragt, ob ich bei der Bundestagswahl als Kandidat antreten möchte. Das ist so, als ob der VfB Stuttgart dich zum Probetraining einlädt. Da würdest du auch zu deinen Eltern sagen: Das probiere ich. Vielleicht bekomme ich einen Profivertrag. So habe ich es auch gemacht. Ich wurde tatsächlich gewählt, und es hat mir Freude gemacht.

Samuel: Braucht man eine bestimmte Ausbildung, um Bundestagsabgeordneter zu werden?

Wolfgang Schäuble: Nein. Aber man muss sich für Politik interessieren und sollte ein bisschen was im Kopf haben. Ein Bundestagsabgeordneter muss gut reden, erklären und zuhören können. Die Menschen sollen verstehen, was ich für sie erreichen will. Und ich muss wissen, welche Probleme sie haben. Um Entscheidungen zu treffen, die für möglichst viele Bürger gut funktionieren, sollten im Bundestag Menschen aus allen Bereichen der Bevölkerung sitzen. Bauern, Ingenieure, Ärzte, Handwerker, Juristen. Oder Eltern, die uns in der Coronapandemie sagen: Wisst ihr eigentlich, wie das ist, wenn die Schule geschlossen ist, die Kinder zu Hause lernen müssen und die Eltern im Homeoffice arbeiten?

Jakob: Welche Aufgaben haben Abgeordnete?

Wolfgang Schäuble: Das Schöne an dem Beruf ist: Jede Woche ist anders. In Sitzungswochen sind die Abgeordneten in Berlin. Sie diskutieren im Bundestag mit anderen Politikern und stimmen zum Beispiel über Gesetze ab. Vorher besprechen sie in ihrer Fraktion, welche Meinung sie zu einem Thema haben. Etwa wenn es um Steuern geht. Außerdem gibt es viele verschiedene Arbeitsgruppen, in denen sie sich treffen. Die einen beraten über Umweltfragen, andere über Bildung oder Finanzfragen. Ich als Präsident leite zum Beispiel Debatten im Bundestag, führe viele Gespräche, lese Akten, spreche mit Mitarbeitern – oder gebe Interviews.

Samuel: Und wenn keine Sitzung ist?

Wolfgang Schäuble: Da bin ich zu Hause in Offenburg, in meinem Wahlkreis. Jeder Abgeordnete muss für die Menschen in seinem Wahlkreis da sein. Deswegen haben sie ihn gewählt. Meistens sind Abgeordnete eine Woche in Berlin im Bundestag, dann in ihrem Wahlkreis, dann wieder in Berlin und so weiter.

Jakob: Wie fanden es Ihre Frau und Ihre Kinder, dass Sie oft unterwegs waren?

Wolfgang Schäuble: Meine Kinder kannten es nicht anders. Meine älteste Tochter war ein Jahr alt, als ich das erste Mal in den Bundestag gewählt wurde. Die anderen waren noch gar nicht geboren. Ich habe trotzdem einen engen Kontakt zu meinen Kindern. Im Urlaub kommen uns alle Kinder und Enkel besuchen. Aber wenn meine Frau jetzt hier wäre, würde sie sagen: Das war immer ein bisschen unfair. Der Kerl ist die Hälfte des Jahres nicht da, und ich sitze zu Hause. Seit unsere Kinder groß sind, begleitet sie mich auch nach Berlin.

Samuel: Was ist das Wichtigste, das Sie als Abgeordneter erreicht haben?

Wolfgang Schäuble: Das hat etwas mit dem Fall der Berliner Mauer zu tun. Vor vielen Jahren gab es zwei deutsche Staaten. Die Bundesrepublik und die DDR. Ich habe immer gehofft, dass Deutschland wieder vereint sein würde. Als 1989 die Mauer fiel, war das wie ein Wunder. Ich war damals in der Bundesrepublik zuständig für die Beziehungen zur DDR und kannte deren Politiker ziemlich gut. Wir machten einen Vertrag, wie Deutschland wieder ein Land werden kann. Das war bisher das Größte in meinem politischen Leben.

Jakob: Wie lange möchten Sie noch Abgeordneter bleiben?

Wolfgang Schäuble: Ich kandidiere jetzt noch mal. Wenn ich wieder gewählt werde und gesund bleibe, bin ich weitere vier Jahre im Bundestag. Was ich dann mache, weiß ich noch nicht. Aber eins ist sicher: Ich arbeite nicht als Abgeordneter, bis ich 100 Jahre alt bin.

Samuel: Stimmt es, dass Sie gerne Profifußballer geworden wären?

Wolfgang Schäuble: Als ich so jung war wie ihr, war Profifußballer noch kein Beruf, mit dem man Geld verdienen konnte. Aber natürlich wollte jeder, der Fußball gespielt hat, in die Nationalmannschaft. Ich auch. Unser großer Held war Fritz Walter. Er wurde 1954 mit der Nationalmannschaft Weltmeister. 20 Jahre später, beim Endspiel im Olympiastadion in München, als Deutschland wieder Weltmeister wurde, saß ich neben ihm. Das war für mich etwas ganz Besonderes. Für Fritz Walter nicht so. Da war ich noch nicht so bekannt.


Steckbrief
Geboren: am 18. September 1942 in Freiburg im Breisgau
Wohnorte: Offenburg und Berlin
Politisches Amt: seit 2017 Präsident des Deutschen Bundestags
Abgeordneter im Bundestag seit: 1972
Ministerposten:
1984 bis 1989: Bundesminister für besondere Aufgaben, Chef des Bundeskanzleramts
1989 bis 1991: Bundesinnenminister
2005 bis 2009: Bundesinnenminister
2009 bis 2017: Bundesfinanzminister
Partei: CDU
Kinder und Enkel: 4 Kinder, 4 Enkel
Das wollte ich als Kind werden: Einen eindeutigen Wunsch hatte ich nicht, das wechselte hin und wieder stark. Lokomotivführer war eine längere Zeit mein großer Wunsch.
Hobbys: Handbike fahren, Konzertbesuche und gute Bücher lesen
Lieblingsessen: Maultaschen
Lieblingsspruch: Eine meiner Töchter hat neulich gesagt: „Ich bin dafür – dagegen sein ist mir zu einfach.“ Das hat mir gut gefallen!