Opa Karl "Du kannst nur mitnehmen, was du tragen kannst"

In Sophies ehemalige Klasse sind Flüchtlingskinder aus Syrien und Afghanistan gekommen. Deren Schicksale haben die Elfjährige an ihren Opa Karl (91) erinnert. Auch er musste vor mehr als 70 Jahren seine Heimat verlassen. Gemeinsam mit seiner Enkelin blickt er auf diese Zeit zurück.

Sophie: Lieber Opa, zwischen uns liegen 80 Jahre. Was hast du in meinem Alter in deiner Freizeit gemacht?
Opa Karl:
Schätzchen, die Welt sah damals ganz anders aus. Es gab zwar weder Fernseher noch Computer, aber dafür hatten wir Fahrräder und Ballspiele und sind Schlittschuh laufen gegangen. Ich war auch eine richtige Leseratte, aber das Taschengeld war knapp, genauso wie bei dir heute wahrscheinlich. Also bin ich immer ins Kaufhaus gegangen, habe mir dort ein Buch geschnappt und im Stehen einige Seiten gelesen. Am nächsten Tag bin ich wiedergekommen, habe da weitergelesen, wo ich aufgehört hatte, und so ging das jeden Tag. Ich habe ganze Bücher gelesen, ohne welche kaufen zu müssen.

Sophie: Warum musstest du flüchten?
Opa Karl:
Ich habe mit meinen Eltern und meiner Schwester in Breslau im damaligen Schlesien (heute Polen) gewohnt. Mein Vater wurde im November 1944, also in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs, noch als Soldat eingezogen. Als die russischen Truppen im Januar 1945 Breslau erreichten, wurden wir alle aufgefordert, die Stadt innerhalb eines Tages zu verlassen. Samstags kam die schriftliche Aufforderung, sonntags mussten wir flüchten.

Sophie: War es zu der Zeit nicht sehr kalt?
Opa Karl:
Und wie: minus 21 Grad und 40 Zentimeter Schnee! Mein Vater riet uns davon ab, die Stadt zu Fuß zu verlassen. „Das wäre euer Tod“, sagte er. Also sind wir mit der Bahn nach Seitendorf (heute Sieroszów in Polen) gefahren, wo meine Großeltern lebten. Die letzten zehn Kilometer mussten wir aber zu Fuß marschieren.

Sophie: Klingt, als hättet ihr ziemlich viel Glück gehabt!
Opa Karl: Die Eisenbahn war wirklich unsere Rettung. Die haben wir auch nur ganz knapp erwischt: Als sie anfuhr, war meine Mutter schon auf dem Trittbrett, meine kleine Schwester konnte ich gerade noch draufsetzen. Ich bin dann dem Zug hinterhergelaufen, die Leute haben mir die Hände entgegengestreckt und mich aufs Trittbrett gezogen.

Sophie: Was nimmt man mit, wenn man so plötzlich flüchten muss?
Opa Karl:
Du kannst nur das mitnehmen, was du tragen kannst: ein paar Klamotten, einen Becher und Besteck.

Sophie: Kein Spielzeug?
Opa Karl: Für Spielsachen gab es keinen Platz. In dieser Zeit war Spielen nicht mehr denkbar.

Sophie: Hattest du Angst auf der Flucht?
Opa Karl:
Natürlich. Wenn du deine Wohnung verlässt, ohne zu wissen, wo es hingeht, fürchtest du dich schon davor, wo du bei der Kälte übernachten wirst.

Sophie: Wart ihr dann bei deinen Großeltern in Sicherheit?
Opa Karl:
Nein, leider war das nur der erste Teil unserer Flucht. 1945 sind wir vor den russischen Soldaten geflüchtet, im März 1946 wurden wir vertrieben, und zwar aus unserer eigenen Heimat. Die Polen hatten durch den Krieg einige Gebiete gewonnen, darunter auch Schlesien, wo wir wohnten. Sie schickten die Deutschen, die dort lebten, weg in Richtung Westdeutschland.

Sophie: Konntet ihr entscheiden, wohin ihr geht?
Opa Karl:
Nein, das wurde zufällig aufgeteilt. Jeden Tag fuhr mindestens ein Zug von Polen aus nach Westen.

Sophie: Wie wurdet ihr dort von den Leuten aufgenommen?
Opa Karl:
Wir landeten schließlich in Meschede (Nordrhein- Westfalen). Dort waren wir natürlich nicht so gern gesehen, denn die Leute hatten bereits Kriegsflüchtlinge aus dem Westen aufgenommen. Dass wir jetzt auch noch dazukamen, war für sie nicht so erfreulich, aber letztlich haben sie es hingenommen.

Sophie: Wie ging es nach deiner Flucht für dich weiter? Bist du wieder zur Schule gegangen?
Opa Karl:
Nein, das war vorbei. Ich musste sehen, dass ich eine Ausbildung anfing. Also bin ich zur Kreisverwaltung gegangen und Beamter geworden. Eigentlich wollte ich aber immer Lehrer werden, aber dazu bekam ich nach dem Krieg dann keine Chance mehr.

Sophie: Warst du deshalb unglücklich?
Opa Karl:
Unglücklich nicht. Aber ich habe natürlich bedauert, dass ich nur 30 Tage Urlaub im Jahr bekam, während Lehrer 90 Tage unterrichtsfreie Zeit hatten.

Sophie: Wann konntest du nach Breslau zurückkehren, und wie war das für dich?
Opa Karl:
Erst in den 70er Jahren war eine Reise nach Breslau wieder möglich. Ich hätte nicht geglaubt, meine Heimat je wiederzusehen. Die Stadt war im Krieg sehr zerstört und später schön aufgebaut worden. Es war sehr bewegend, wieder dort zu sein, wo ich meine Jugend verbracht hatte.

Sophie: Du weißt ja, dass in der Grundschule Flüchtlingskinder aus Syrien und Afghanistan zu mir in die Klasse kamen. Glaubst du, sie haben ähnliche Erfahrungen gemacht wie du?
Opa Karl:
Auf jeden Fall. Auch sie waren in der Situation, dass sie ihre Heimat verlassen mussten und nicht wussten, wo sie landen würden. Wir hatten es aber leichter, weil wir auf deutschem Boden blieben. Dadurch hatten wir keine Sprachprobleme und konnten uns mit den Leuten verständigen. Es muss viel schwerer sein, in ein Land mit einer anderen Sprache, Religion und anderen Traditionen zu kommen.

Sophie: Opa, du wirst bald 92 Jahre alt. Wie wird man so alt wie du?
Opa Karl:
Indem man vernünftig trinkt und isst und sich um seine Gesundheit kümmert. Ich mache ab und an Sport, gehe noch in Museen und bin bei mir im Haus im Bewohnerbeirat ehrenamtlich aktiv. Meine Augen sind zwar nicht mehr so gut, aber mit der Lupe lese ich jeden Tag drei Zeitungen, um mich auf dem Laufenden zu halten.

Sophie: Was ist dein Lebensmotto?
Opa Karl:
Das Wichtigste ist, sich anzustrengen und nie zu früh aufzugeben. Nur so kann man etwas erreichen.

Geschichte
Zweiter Weltkrieg (1939 bis 1945): Mit dem Überfall auf Polen begann der grausame Alleinherrscher Adolf Hitler am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg. Er und seine Anhänger, die Nationalsozialisten (Nazis), wollten Deutschland zum mächtigsten Land Europas machen. Russland (damals Sowjetunion), Frankreich, England und die USA kämpften gegen Hitlers Truppen und gewannen den Krieg, in dem mehr als 55 Millionen Menschen starben. Kurz vor Kriegsende belagerte die russische Armee die Stadt Breslau, die damals im Osten Deutschlands lag. Die Nazis hatten sich hier verschanzt. Der Nazi- Chef befahl im Januar 1945 den meisten Frauen und Kindern, die Stadt zu verlassen. Darunter waren auch Karl, seine Schwester und seine Mutter.
Kriegsende (nach 1945): Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Deutschen aus den Ostgebieten (etwa Ostpreußen, Pommern und Schlesien), die unter Hitler zu Deutschland gehört hatten, gewaltsam vertrieben. Rund 14 Millionen verloren ihre Heimat. Auf der Potsdamer Konferenz bestimmten die Siegerländer, dass unter anderem die Stadt Breslau und die Region Schlesien in Zukunft zu Polen gehören und die deutsche Bevölkerung woanders hingebracht werden sollte. Darunter war auch Karls Familie, die nach Westdeutschland ziehen musste.