Im Zoo Nachwuchs dank Niara?

Geparden sind schwer zu züchten. Doch die Zucht ist wichtig, denn die eleganten Raubkatzen sind in freier Wildbahn vom Aussterben bedroht. In der Stuttgarter Wilhelma will man es nun in einem neuen Gehege und mit einer Gepardendame aus Österreich wagen.

Auswahl ist wichtig
„Geparden-Weibchen sind sehr wählerisch“, weiß Ulrike Rademacher, die sich in der Wilhelma um die Raubkatzen kümmert. Eine Gepardin möchte sich ihren Partner zur Paarung gerne unter mehreren Männchen aussuchen. In einem Zoo sollten einem Weibchen daher mindestens zwei Männchen angeboten werden. Diese leben zusammen, wie auch in der Natur. Das Weibchen hingegen streift in der Natur als Einzelgängerin umher und sucht sich ihr Männchen aus – und nicht jeder passt ihr! Außerdem interessiert sie sich für ihre männlichen Artgenossen nur während der Paarungszeit. Diese ist allerdings nicht festgelegt. Wenn das Weibchen bereit ist, gibt die Katze mit dem Urin spezielle Duftstoffe ab. Nach der Paarung wird das Männchen ganz schnell wieder vertrieben!

Niara
In die Wilhelma kommt nun eine Gepardendame aus dem Zoo in Salzburg. Sie heißt Niara und wird hoffentlich einen der beiden Männchen attraktiv finden. Niara ist zweieinhalb Jahre alt und damit in den nächsten Jahren im besten Alter, um sich zu paaren und Nachwuchs zu bekommen. Zunächst kommt Niara in Quarantäne – allerdings nicht wegen Corona. Tiere aus anderen Zoos müssen immer erst einmal isoliert werden von den anderen Zootieren. Sie werden untersucht und beobachtet. Später wird sich Niara an ihre neue Umgebung im ehemaligen Eisbärengehege gewöhnen. Erst dann kann darüber entschieden werden, wann man ihr die Männchen präsentiert.

Neues Gehege
„Auf die Umgebung kommt es an!“, sagt Ulrike Rademacher. Das Gehege muss groß und überschaubar sein. Denn die Raubkatze möchte ihre Umgebung jederzeit kontrollieren können. Schließlich drohen in der freien Wildbahn stets Gefahren, und Geparden müssen sich vor ihren Feinden in Acht nehmen: Die Raubkatze ist zwar ein guter Sprinter, aber ein schlechter Kämpfer. Geparden ziehen beim Kampf mit Löwen, Hyänen oder Leoparden meist den Kürzeren. Außerdem muss ein Gepard die Beute im Auge behalten können. Daher bewegen sie sich in offenen Landschaften, wo sie in die Ferne blicken können. So soll es auch in der Wilhelma sein: Nachdem 2018 die hochbetagte Eisbärin Corinna gestorben ist, stand die Anlage leer. Sie wurde umgebaut, damit die Gepardenzucht starten kann: Das große Wasserbecken wurde mit Erde gefüllt, und es gibt erhöhte Aussichtspunkte. Die Gepardin Niara kann bis nach Bad Cannstatt und in den Rosensteinpark blicken. Daher gibt es in der Wilhelma nun statt der Eisbären als größtem Landraubtier mit den Geparden die schnellsten Landraubtiere.

Männer unter sich
Lange Zeit war nicht klar, warum die Zucht in einem Zoo so schwierig ist. Einer der wichtigsten Faktoren ist heute klar: „Männchen und Weibchen dürfen nicht zusammen in einem Gehege leben. Denn nach einiger Zeit verschwistern sie sich und verlieren komplett das Interesse aneinander“, erklärt Ulrike Rademacher. Die Katzen sind dann nämlich überzeugt, sie seien eine Familie und pflanzen sich nicht mehr fort. Daher ist es wichtig, Männchen und Weibchen zu trennen und in zwei unterschiedlichen Gehegen zu halten – so auch in der Wilhelma. Zum Jahresende 2019 sind in der Wilhelma zwei neue Männchen eingetroffen, anderthalb Jahre alt waren die beiden. Es sind Brüder mit den Namen Zawadi und Haraka. Sie sind in einem Zoo in Frankreich geboren. Sie haben sich mittlerweile gut im Geparden-Gehege am Belvedere eingelebt, und man konnte sie im Sommer bewundern, als die Wilhelma in der Coronapandemie geöffnet hatte.

Transport-Training
Weil Männchen und Weibchen nicht gemeinsam in einer Anlage leben sollen, muss man die Männchen zur Familienplanung irgendwie zu Niara bringen, in ihr neues Gehege. „Das ist eine echte Herausforderung“, sagt Ulrike Rademacher. Schließlich könne man sie ja nicht einfach an die Leine nehmen und mal kurz durch den Zoo spazieren. Und die Tiere für den Transport zu betäuben sei auch keine Lösung. Daher sollen die beiden Brüder trainiert werden – und zwar für den Transport in einer Kiste. Sie sollen daran gewöhnt werden, dass sie selbst in eine Kiste steigen. Mit leckeren Happen werden sie ins Innere gelockt, immer wieder. So lernen sie, dass die Kiste für sie keinerlei Gefahr darstellt und dass sie sich völlig ohne Stress in diese Transportmittel begeben. „Ob das klappt, wird sich zeigen“, berichtet die Biologin.

Vergangenheit
Geparden leben in der Wilhelma schon seit 40 Jahren! 1980 kam Kater Marco aus Pretoria in Südafrika nach Stuttgart. Doch Nachwuchs gab es leider nie – obwohl es immer wieder mit verschiedenen Tieren versucht wurde. Vor mehr als zwei Jahren sind dann innerhalb eines halben Jahres die beiden alten Wilhelma-Geparden Twist und Tana mit 14 beziehungsweise 16,5 Jahren gestorben. Die Gepardenanlage wurde nun aufgemöbelt: Der Boden wurde ausgetauscht, neuer Rasen gelegt, und neue Felsbrocken und Stämme machen die Anlage nun schöner und abwechslungsreicher für die Raubkatzen. 2019 konnten die beiden anderthalbjährigen Brüder Haraka und Zawadi einziehen.

Muttersöhnchen
Sollte sich Nachwuchs einstellen, kommen die Jungen nach 90 Tagen zur Welt, meist sind es zwei bis vier Kätzchen. Sie sind sehr klein und wiegen gerade einmal 300 Gramm. Erst nach einer Woche öffnen sie die Augen. Die ersten drei Monate haben die putzigen Geparden-Babys eine silbergraue Rückenmähne, die sie später wieder verlieren. In freier Wildbahn verstecken sich die Kleinen im hohen Gras. Um nicht entdeckt zu werden, wechseln die Mutter und ihr Nachwuchs alle paar Tage das Versteck. Mit etwa sechs Wochen gehen sie zum ersten Mal mit auf die Jagd und beobachten ihre Mutter, wenn sie sich auf die Beute stürzt. Erst mit etwa sieben Monaten zeigt die Mutter, wie sie zu jagen haben. Doch bis sie selbstständig sind und alleine leben können, dauert es lange – meist bleiben sie bei ihrer Mutter, bis sie fast erwachsen sind