Ein Fall für Paul Der Tod ist nicht das Ende

Lucy (8): „Warum müssen wir eigentlich sterben?“

Liebe Lucy,

vielleicht kennst du das Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-­Exupéry? Es ist das bekannteste Werk des französischen Schriftstellers, der auch ein begeisterter Pilot war. Seine Leidenschaft fürs Fliegen wurde ihm nur ein Jahr nach Erscheinen des Buches zum Verhängnis. Von seinem letzten Flug am 31. Juli 1944 kehrte er nie zurück. Warum ich dir das erzähle? Weil es auch in seinem schönen, traurigen Buch um deine Frage geht. Der kleine Prinz lebt auf einem Stern namens B 612. Dort hat er nur eine einzige Freundin – die stolze Rose. Weil er neugierig und mutig ist, will er neue Freunde kennenlernen und reist zu anderen Sternen. Unterwegs lernt er einen König kennen, einen Säufer, einen Kaufmann und auf der Erde schließlich den kleinen Fuchs, der sich von ihm zähmen lässt. Durch den schlauen Fuchs begreift der kleine Prinz, wie einzigartig die Rose war, die er zurückgelassen hat. Denn zu ihr hat er eine Freundschaft aufgebaut. Und Freundschaften sind etwas Wertvolles. Vor seiner Reise hat er das nicht zu schätzen gewusst. Jetzt aber will er unbedingt zurück zu seiner Rose. Das kann er nur, wenn er sich von einer Giftschlange beißen lässt und stirbt. Natürlich fällt das dem kleinen Prinzen nicht leicht. Aber er erinnert sich an ein Gespräch mit seiner Rose: „Hast du Angst vor dem Tod?“, fragte der kleine Prinz die Rose. Daraufhin antwortete sie: „Aber nein. Ich habe doch gelebt, ich habe geblüht und meine Kräfte eingesetzt, soviel ich konnte. Und Liebe, tausendfach verschenkt, kehrt wieder zurück zu dem, der sie gegeben. So will ich warten auf das neue Leben und ohne Angst und Verzagen verblühen.“
Die Rose ist ganz schön weise. Es muss dir keine Angst machen, dass das eigene Leben endet, sagt sie. Das klingt vielleicht zunächst ein wenig merkwürdig. Aber denk nach: Hast du nicht auch schon viele wunderschöne, ganz besondere Dinge erlebt? Manchmal kann ein einzelner Augenblick so schön sein, dass du vor Glück platzen könntest. Und die Erinnerung daran stärkt dich, solange du lebst. Stell dir vor, wie viele schöne Erinnerungen du haben wirst, wenn du nicht mehr 8, sondern 88 Jahre alt bist. Außerdem versteckt sich in der Geschichte noch eine andere Überzeugung: der Tod ist nur eine Art Übergang. Antoine de Saint­-Exupéry glaubte nicht daran, dass mit dem körperlichen Tod alles endet. „Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein“, lässt er den kleinen Prinzen sagen. Saint-­Exupéry ist als Pilot dem Tod öfter nahe gewesen. Nach einer Notlandung in der Wüste ist er fast verdurstet, und bei Flügen über die Anden hat er gefährliche Situationen erlebt. Wenn Saint-­Exupéry überzeugt war, dass es nach dem Tod weitergeht, dann macht mich das schon fast neugierig auf das, was danach kommen mag. Angst habe ich jedenfalls keine mehr, weil er auch keine hatte – und du hoffentlich auch nicht, liebe Lucy!