Cem Özdemir "Schaffner war mein Traumberuf"

Cem Özdemir ist der beliebteste Politiker der Grünen in Berlin. Fast zehn Jahre lang war er dort Chef dieser Partei. Hätte das Jamaika-Bündnis aus CDU/CSU, FDP und Grünen funktioniert, wäre er wohl sogar Minister geworden. Unsere Reporter Anna (12) und Paul (14) haben ihn getroffen.

Paul: Herr Özdemir, wie wichtig war denn für Sie die Schulzeit?
Cem Özdemir: Sie wurde immer wichtiger. Am Anfang war ich ein lausiger Schüler. Ich sollte schon in der ersten Klasse sitzen bleiben, hatte fast überall eine Fünf. Sogar einmal in Sport. Das lag daran, dass ich ganz schön oft meine Sportsachen vergessen habe und allein schon deshalb Fünfen kassierte. In der fünften Klasse wurde ich zunächst auf die Hauptschule geschickt. Dann bin ich an die Realschule, und später habe ich das Fachabitur gemacht, zwischendrin eine Ausbildung zum Erzieher. Seit der Realschule wurde es besser. Ich hatte dort einige tolle Lehrer. Gerade wenn man aus einem Elternhaus kommt, das einem nicht viel helfen kann mit der Schule, sind Lehrer unheimlich wichtig.

Anna: Unsere Eltern stehen uns da schon ziemlich auf den Füßen . . .
Cem Özdemir: Es ist ja nicht so, dass meine Eltern mir nicht helfen wollten. Aber sie konnten es einfach nicht. Ihr Deutsch war nicht gut genug. Mein Vater war in seiner türkischen Heimat nur drei Jahre auf der Grundschule. Nicht, weil er faul war. Sein eigener Vater war gestorben. Er musste deshalb auf dem Feld arbeiten, und die Schule war ewig weit weg. Schulbusse gab es nicht und auch keine Straßen. Später in Deutschland haben meine Eltern beide in einer Fabrik gearbeitet. Deshalb war halt oft niemand zu Hause, um mit mir die Hausaufgaben durchzugehen. Ich bin meinen Eltern umso dankbarer dafür, dass sie mir eine Nachhilfelehrerin organisiert haben, als ich in der fünften Klasse auf der Hauptschule war. Von der habe ich dann das allererste Buch meines Lebens bekommen – Peter Härtling: „Das war der Hirbel“. Das hat mich begeistert. Vorher hatte ich nur Comics gelesen.

Paul: Übers Lesen kann man sich ganz schön viel auf der Welt erschließen . . .
Cem Özdemir:
Das stimmt. Deshalb mache ich, wann immer ich Zeit habe, bei Vorlesetagen mit. Meinen Kindern lese ich natürlich auch vor. Und wenn ich ehrlich bin, hole ich da bei der Auswahl der Bücher vieles von dem nach, was ich selbst als Kind versäumt habe. Denn vieles habe ich als Kind nie gelesen, zum Beispiel die griechischen Sagen . . .

Anna und Paul: Die haben wir verschlungen, als wir so zehn, elf Jahre alt waren!
Cem Özdemir: Und ich war 50.

Anna: Was war Ihr größter politischer Erfolg?
Cem Özdemir: Ich bin stolz darauf, dass ich im Bundestag eine Mehrheit für die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern und anderen Christen vor 101 Jahren im Osmanischen Reich erreicht habe. Das Deutsche Kaiserreich, immerhin ein Vorläufer unseres Landes, hat dabei eine unschöne Rolle gespielt.(Anmerkung: Das kleine Land Armenien liegt östlich von der Türkei. Vor gut 100 Jahren (1915 bis 1916) wurden dort etwa 1,5 Millionen Menschen von der sogenannten jungtürkischen Regierung ermordet. Das Deutsche Kaiserreich unterstützte die Jungtürken.) Es ist wichtig zu wissen, dass in der Geschichte schlimme Verbrechen passiert sind, und offen darüber zu reden. Aus der Geschichte können wir viel für die Zukunft lernen.

Paul: Und was war Ihr größter Misserfolg?
Cem Özdemir: Ich hätte mir gewünscht, dass es für eine Jamaikakoalition mit Union und FDP reicht, weil wir gute Sachen, gerade beim Klimaschutz, aber auch beim Artenschutz in der Landwirtschaft, hätten machen können. Aber da hat die FDP nicht mitgespielt.

Anna: Wenn Sie sofort etwas durchsetzen könnten, was wäre das?
Cem Özdemir: Viel stärker gegen die weltweite Klimaerwärmung kämpfen. Denn es gibt viele Fehler, die man korrigieren kann – doch diesen nicht. Je später man damit anfängt, umso mehr muss man machen, umso weniger bringt es. Der Klimawandel sorgt für Dürre, Ernteausfälle, Flüchtlingsbewegungen. Das dürfen wir nicht zulassen.

Paul: Wenn wir in die Politik gehen wollten, was würden Sie empfehlen?
Cem Özdemir: Engagiert euch für das, was euch interessiert. Fangt in der Schule an. Wie wird da zum Beispiel mit dem Müll umgegangen? Wie ist die Anbindung mit Bussen und Bahnen? Was kann man verbessern? Als ich ein Jugendlicher war, wurde in meiner Geburtsstadt Bad Urach mal beschlossen, dass die Eisenbahnstrecke stillgelegt werden soll. Zusammen mit ein paar anderen habe ich protestiert und durchgesetzt, dass zumindest die Gleise nicht aus dem Boden gerissen wurden. Wir haben Sonderzugfahrten organisiert. Ich durfte Schaffner spielen, was war ich stolz! Manche lachten uns damals aus. Aber heute fahren da wieder ganz normale Züge – auf Gleisen, für deren Erhalt wir damals gekämpft haben. Der dümmste Satz, den ich kenne, lautet deshalb: Man kann sowieso nichts ändern. Das stimmt nicht.

Anna: Was war Ihr erster Traumberuf?
Cem Özdemir: Schaffner. Eisenbahnen haben mich immer fasziniert, und meine Kinder müssen das noch heute ausbaden. Ich habe ihnen nämlich immer Eisenbahngeschenke gemacht. In Wahrheit wollte ich natürlich selbst damit spielen. Später wollte ich Rockmusiker werden, aber da ich nie ernsthaft Gitarre geübt habe, ist daraus nichts geworden. Ich habe dann den Beruf des Erziehers und Sozialpädagogen gelernt. Die Arbeit mit Kindern macht mir einfach Spaß. Zur Politik bin ich schließlich gekommen, weil ich gemerkt habe, dass man schon selbst anpacken muss, wenn man etwas verändern möchte.

Paul: Jetzt, wo Sie bald nicht mehr Parteichef sind, könnten Sie doch wieder Erzieher werden?
Cem Özdemir: Manche sagen ja scherzhaft, dass ich in meiner Partei immer Erzieher bleiben musste. Im Ernst: Erzieher ist einer der schönsten und wichtigsten Berufe. Deshalb werde ich mich als Politiker weiter für Erzieher und viele andere Berufe einsetzen, die nicht genug wertgeschätzt werden: Hebammen, Pfleger und all jene, die sich um andere Menschen kümmern. Die sind ungemein wichtig.


Steckbrief: Cem Özdemir (52) war fast zehn Jahre an der Spitze der Partei. Unzählige Interviews hat Özdemir, der in Stuttgart seinen Wahlkreis hat, schon gegeben. Aber als die Kinderreporter Anna (12) und Paul (14) in seinem Bundestagsbüro in Berlin auftauchen, ist er nach langer Zeit bei einem Pressetermin mal wieder richtig nervös. Das liege daran, sagt er, dass Kinderfragen schwer vorhersehbar seien. Außerdem hat er seine eigenen Kinder mitgebracht, die ähnlich alt sind wie Anna und Paul. Sie würden aufpassen, dass er keinen Quatsch erzählt und seien „echt streng“ mit ihm. Die beiden sind große Fans der Kinderzeitung. Sie haben ihrem Vater klargemacht, dass er erst eine große Nummer sei, wenn er einmal von unseren Kinderreportern interviewt wurde. Das hat Cem Özdemir nun geschafft.