Alexander Gerst „Gutes Training nimmt die Angst im All“

Kilian (10) möchte unbedingt Astronaut werden. Für Alexander Gerst, sein Idol, ist dieser Traum wahr geworden. Der 42-Jährige fliegt zum zweiten Mal ins All. Kilian hat mit ihm über große Ziele, Heimweh und über den Mars gesprochen.

Was muss ich unbedingt können, wenn ich Astronaut werden will?
Alexander Gerst: Physik und Mathe sind ziemlich wichtig. Aber noch wichtiger ist, dass du neugierig bist und gut mit neuen Situationen umgehen kannst. Dass du nicht aufhörst zu lernen. Deshalb ist es auch gar nicht so wichtig, welchen Beruf du lernst, wenn du Astronaut werden willst. Du kannst zum Beispiel Wissenschaftler sein oder Ingenieur oder Mediziner oder Pilot. Du musst zeigen, dass du gut bist in dem, was du machst.

Sind Sie denn gar nicht mehr aufgeregt, wenn Sie in die Sojuskapsel steigen?
Alexander Gerst: Es ist schon ein Unterschied, wenn man zum zweiten Mal fliegt. Als Astronaut wird man ständig bombardiert mit Informationen und muss entscheiden, was ist wichtig und was nicht. Letztes Mal war für mich alles völlig neu, da habe ich mir im Zweifelsfall lieber ein bisschen mehr gemerkt. Das war anstrengend. Dieses Mal weiß ich genauer, worauf es ankommt. Das macht das Training einfacher. Aber wenn man dann am Ende auf einer Rakete mit 300 Tonnen Treibstoff sitzt, dann darf man schon ein wenig aufgeregt sein – aber auch nicht zu viel, denn man muss ja arbeiten.

Müssen Sie auch mal selber steuern?
Alexander Gerst: Ja, ich sitze dieses Mal auf dem Co-Piloten-Sitz in der Sojuskapsel. Wenn mein russischer Teamkamerad Sergei ausfällt, dann muss ich das Raumschiff fliegen und alle heil zur Raumstation oder zur Erde zurückbringen. Die Ausbildung dafür dauert allein etwa ein Jahr. Und ich bin dieses Mal auch Commander der Internationalen Raumstation, das bringt viel Verantwortung mit sich.

Haben Sie denn Angst, dass etwas schiefgehen könnte?
Alexander Gerst: Angst, dass etwas schiefgeht, habe ich nicht. Aber man muss sich schon darauf vorbereiten, dass etwas passieren könnte. Wir schauen uns beim Training alles an: Was mache ich, wenn Luft entweicht? Was mache ich, wenn ein Feuer ausbricht? Was ist, wenn die Atmosphäre vergiftet wird durch ein Leck im Kühlsystem? Dann überlegt man, was ist mein Plan A, mein Plan B, mein Plan C. Das Training ist dafür da, dass man dann keine Angst hat, sondern genau weiß, jetzt muss ich das und das tun.

Wenn Sie die Wahl hätten, würden Sie lieber zum Mond oder zum Mars fliegen?
Alexander Gerst: Ha, ich würde erst zum Mond fliegen und dann zum Mars! Spaß beiseite. Ich glaube, wenn ich mich für einen von beiden entscheiden müsste, würde ich wahrscheinlich lieber zum Mars fliegen. Einfach weil er noch weiter weg ist und weil er noch unbekannter ist. Und weil er früher mal so war wie die Erde. Wenn man sich da umschaut, dann sieht man, er war vielleicht mal bewohnbar. Wir wissen noch nicht, ob es da tatsächlich mal Leben gab oder nicht. Aber es hätte dort mal Leben geben können, denn es gab viel flüssiges Wasser.

Was ist da passiert?
Alexander Gerst: Jetzt ist der Mars wüst und leer. Stimmt, die Frage ist: Was ist da passiert? Und wie können wir vermeiden, dass der Erde dasselbe passiert? Wir wissen das noch nicht. Und außerdem, wenn man auf dem Mars steht und bei Nacht in den Himmel schaut, dann sieht man die Erde nicht als große blaue Kugel, wie von der Raumstation oder vielleicht vom Mond aus, sondern nur als winzigen blauen Punkt.

Sie ist also so klein wie ein Stern?
Alexander Gerst: Ja, sie ist dann fast so klein wie der Mars, wenn du ihn hier am Himmel siehst. So sieht die Erde dann auch vom Mars aus, nur dass unser Planet dann ein bisschen bläulich schimmert, das ist alles. Stell dir mal vor, was das für ein Gefühl ist, wenn du weißt, die Erde ist dein Heimatplanet, aber der ist so weit weg, dass du ihn gar nicht mehr erkennen kannst.

Ich glaube, ich hätte Heimweh.
Alexander Gerst: Ja, ich glaube, man würde sich da ganz schön alleine fühlen, und ich glaub auch, man würde erkennen, wie wichtig unser Heimatplanet für uns ist. Es ist der einzige Ort im ganzen Universum, auf dem Menschen leben können. Das ist etwas, was wir vom Mars lernen können: der Blick zurück auf die Erde.